LVZ vom 26. November 2009 - Interview: Janina Fleischer Leipzig. Mit einer Preisgala ging das erste Literaturfestival textenet.de in Leipzig zu Ende, organisiert und geleitet von Steffen Birnbaum (Verband deutscher Schriftsteller) und Bertram Reinecke (Förderverein Freie Literaturgesellschaft Leipzig), unterstützt vom Kulturamt und den zahlreichen Literaturvereinen der Stadt.
Im Interview zieht Steffen Birnbaum Bilanz. Frage: Sie sind seit einer Woche jeden Abend unterwegs. Haben Sie dernn selbst jene Entdeckungen machen können, die Sie den Besuchern versprochen haben?
Steffen Birnbaum: Es war wenig Schlaf und viel Literatur. Ich bin von einer Veranstaltung zur anderen gefahren, weil ich ja auch viele Anmoderationen hatte und mich überall mal sehen lassen wollte. Von den jüngeren Kollegen, die hier am Literaturinstitut studieren oder gerade fertig geworden sind, kenne ich ja so viele auch nicht - und da gab es für mich einige Entdeckungen. Die Lesung mit Roman Graf zum Beispiel, die Minidramen von Madeleine Prahs oder die sehr feinsinnige Lyrik von Johanna Schwedes.
Ist Ihr Konzept aufgegangen, vor allem jungen und neuen Autoren eine Bühne zu geben?
Bei den Prominenten wie Gerhard Zwerenz, Günter Wallraff oder Eva Menasse hatten wir natürlich mehr Publikum. Aber es ist etwas Interessantes passiert, was auch mir neu war: Das jüngere Publikum hört sich auch die Texte an - und macht dann aus den Literaturveranstaltungen eine Party. Da wird dann nicht nur über Literatur geredet - aber auch.
War das an allen der doch sehr unterschiedlichen Veranstaltungsorte von Haus des Buches bis Galerien so?
Vor allem in der Werkstatt für Kunstprojekte in der Karl-Heine-Straße, aber auch in der Moritzbastei.
Sie sind angetreten in der Tradition des Literarischen Herbstes, der 2003 aus finanziellen Gründen ausgesetzt wurde. Es ist aber etwas sehr eigenes entstanden. Was hat dieses neue Festival dem Publikum gebracht?
Es hat sehr gut funktioniert, die Lesungen mit Musik zu verbinden. Und es sind politische Diskussionen entstanden. Ich denke, dass der Erfahrungsaustausch zwischen Jung und Alt funktioniert hat. Die einen haben aus ihrer Vergangenheit berichtet, die anderen heute wiederum ganz andere Erlebnisse mit Verlagen etwa.
Was hat sich da verändert?
Heute geht man in ganz junge Verlage wie PaperOne. Doch die haben oft viel kleinere Auflagen, und sie haben es schwer mit dem Vertrieb und Verkauf der Bücher, weil sie oft gar nicht in die Buchhandlungen reinkommen. Sollten Autoren heute auch Marketingstrategen sein? Richtig. Und es ist zu beobachten, dass eine ganze Menge von jungen Zeitschriften entstehen.
Um überhaupt veröffentlichen zu können?
Ja, das machen die Autoren selber, und sie holen die Gelder dafür zusammen. Wir hatten Berliner Zeitschriften zu Gast, die Floppy Myriapoda etwa um den bekannten Bert Papenfuß, und eine neue Leipziger Publikation, die Ausgabe 1, die gerade erschienen ist.
Was waren für Sie die Höhepunkte des Festivals?
Das waren Zwerenz und Wallraff zur Eröffnung und Eva Menasse im Radiocafé am Sonntag. Auch der Kompositonskurs von Bernd Franke war sehr gut besucht.
Messen Sie den Erfolg vor allem an den Besucherzahlen?
Inhaltlich gab es auch kleine Lesungen, die richtig gut waren. So bin ich von Manfred Jendryschik begeistert, der einfach erzählt hat.
Können Sie schon Zahlen nennen?
Alles in allem knapp 2500. Wobei aufgefallen ist, das gerade für die vielen jüngeren Leute vier oder fünf Euro Eintritt oftmals zu viel sind. Das hat mich überrascht.
Wird es ein zweites textenet.de-Festival geben?
Das entscheidet sich, wenn das Kulturamt nach Weihnachten die Verteilung der Fördergelder bekannt gibt.
Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?
Die Veranstaltungen waren zu dicht gedrängt. Ich würde sie vielleicht auf mehr Tage verteilen, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, alles zu besuchen.
In der Moritzbastei hetzte Bertram Reinecke von einer Moderation zur nächsten ...
Man kann so eine Sonetten-Nacht nach einem Podiumsgespräch mit Schorlemmer nicht mehr machen. Das müsste man anders planen. Was würden Sie tun, wenn Sie mehr Geld zur Verfügung hätten? Noch ein paar größere Namen einladen und möglicherweise noch ein bisschen mehr Musik einbinden.
Musik als Lockmittel?
Das Publikum kommt, wenn man ein Gesamtkunstwerk anbietet aus szenischen Lesungen, Videobeiträgen, Musik, bildender Kunst. Da hat die Zusammenarbeit mit der Jahresausstellung wunderbar funktioniert. Da hat uns der Kunstfertig e.V. sehr unterstützt. So wie ich überhaupt allen Veranstaltern danken möchte. |